Meine Lieben,
wenn man Avowed direkt nach Kingdom Come 2 spielt, wird man Opfer eines neurologischen Leidens, das wir mangels klinisch-pathologischer Klassifizierung fĂŒr unsere Zwecke als âMobus Jochenâ bezeichnen wollen. Die Symptome sind mannigfaltig: man orgelt sich einen Heiltrank nach dem anderen rein, obwohl man eigentlich das Inventar öffnen wollte, man starrt konsterniert auf einen Charakterbildschirm, wo man die Karte erwartet hatte, man wechselt die Waffe, weil man das Pferd rufen wollte, das es ĂŒberhaupt nicht gibt.
âMorbus Jochenâ ist eine heimtĂŒckische Erkrankung, denn wĂ€hrend das Gehirn noch âfuck you and the horse you didnât ride in on!â ruft, sind Finger und MuskelgedĂ€chtnis schon dabei, den nĂ€chsten synaptischen BlindgĂ€nger zu zĂŒnden, emsige kleine Brandstifterlein, die diebisch (und ein wenig manisch) kichern, bevor sie weiter Schiffeversenken mit deinen Hirnzellen spielen.
Schuld daran sind natĂŒrlich die vermaledeiten Spielehersteller, die sich nicht nur nicht auf einen Tastenbelegegungsstandard einigen wollen, sondern mit hĂŒbscher RegelmĂ€Ăigkeit auch noch zu dem grandiosen Irrtum gelangen, sie hĂ€tten die intuitiven Ideen mit Baggerschaufeln gefressen. Oder sich einfach weigern, die offensichtlich göttlich-makellose Voreinstellung irgendwie anpassen zu lassen. Analogkreuz schrĂ€goben ist schlieĂlich der beste Weg, das Inventar aufzurufen, und wenn die Lurche da drauĂen das nicht verstehen, dann muss man es halt in ihre Krötenhirne prĂŒgeln, sie werden uns einst dafĂŒr danken!
Nun bin ich kein Fan, nicht einmal ein Freund von DIN-Normen, zumindest abseits von Druckerpapier. Aber ich kann verstehen, warum irgendwann mal jemand laut âjetzt ist es wahrlich genug!â rief und die Sache mit Zollstock und humorloser GrĂŒndlichkeit selbst in die Hand nahm.
Wir sollten also Folgendes gesetzlich festhalten:
Die vier Haupttasten des Controllers lauten A, B, X und Y. Ja, das gilt auch fĂŒr dich, Sony. Und nein, Nintendo, das A ist unten, auch wenn du dich auf den Kopf stellst und französische Rebellenchansons furzt
Mit A bestĂ€tigt man Dinge. AuĂerhalb von zu bestĂ€tigenden Dingen hĂŒpft man unter UmstĂ€nden damit. Auf gar keinen Fall weicht man damit aus
Mit B weicht man aus und bricht Sachen ab
Mit X macht man die Dinge, die man nicht mit Y macht
Gesprintet wird mit LS
Die Select-Taste macht die Karte auf. Wenn es keine Karte gibt, macht Select irgendwas anderes NĂŒtzliches
Die Start-Taste macht das MenĂŒ auf. Achtung: In Spielen mit Inventaren, Charakterbildschirmen usw. ist mit âMenĂŒâ natĂŒrlich dieses MenĂŒ gemeint, nicht das Spiel-MenĂŒ mit âBeendenâ, âLadenâ o.Ă€., das man heute nicht mehr braucht und das deshalb keine kostbare Taste zu verschwenden hat
Da wir in einer pluralistischen, freiheitlichen Demokratie leben, steht es natĂŒrlich jedem frei, die o.g. Gesetze scheiĂe zu finden, so lange er/sie es fĂŒr sich behĂ€lt.
Dankschreiben sind nicht nötig. StraĂen dĂŒrfen gerne nach mir benannt werden, aber nur schöne.
1 Meldung, 5 Gedanken
Ehemaliger Amazon-Vice-President erklĂ€rt bei Linkedin, dass Amazon den Kampf gegen Steam verloren hat, weil Steam schon die Lösung fĂŒr die Probleme des Kunden war
Quelle:
Erster Gedanke: Ich wusste gar nicht, dass Amazon ĂŒberhaupt gegen Steam in den Krieg gezogen ist. Aber das erklĂ€rt vieles. DAS wollte Amazon also mit all den spektakulĂ€r gescheiterten Unternehmungen ins Gaming erreichen. Immerhin kennen wir jetzt das Ziel dieser GroĂoffensive, die nur unwesentlich erfolgloser verlief als die Seeschlacht bei Tsushima fĂŒr Russland, das den GroĂteil seiner baltischen Flotte mehr als sechs Monate lang ĂŒber den halben Erdball schickte, um nach zwei Tagen von den Japanern (mutmaĂlich mehr schieĂend, weniger furzend) versenkt zu werden.
Zweiter Gedanke: Ich mag solche Einblicke in das Innenleben eines GroĂkonzerns, weil sie geradezu frappierend den historischen Einblicken in das Innenleben von mĂ€chtigen Politikern oder (ehemaligen) Weltreichen Ă€hneln. Alleine der Umstand, dass Ethan Evans wie selbstverstĂ€ndlich erzĂ€hlt, dass es einen Kampf zwischen seinem Ex-Unternehmen und Steam gab, wĂ€hrend die restliche Welt verdattert drein guckt und denkt, was fĂŒr ein Kampf denn, das ist mir neu?! Und wieso greifen die Steam an?! Und what tae fuck?! Kann man ĂŒbrigens auch alles ĂŒber Russlands Krieg gegen Japan 1904/1905 sagen, aber das nur am Rande.
Dritter Gedanke: Noch mehr mag ich den Umstand, dass Ethan Evans offenbar immer noch nicht bemerkt hat, dass auĂer Amazon niemand seinen Cloud-Streaming-Service Luna oder Googles Stadia als Angriff auf Steam verstand. Und dass das eine so dĂ€mliche Idee war, dass man sie im Englischen als âharebrainedâ bezeichnen wĂŒrde, was etymologisch (fancy-sprech fĂŒr: im ursprĂŒnglichen Wortsinne) so viel wie âhasenhirnigâ bedeutet. Was wiederum ein so schönes deutsches Wort wĂ€re, dass es ab sofort eins ist, also hasenhirnig.
Vierter Gedanke: Zur Klarstellung, Cloud-Streaming im Allgemeinen fand und finde ich nicht per se dĂ€mlich. Aber mit Cloud-Streaming gegen Steam in die Schlacht zu ziehen, das ist dĂ€mlich. Denn da bringt man keine Messer zu einer SchieĂerei mit, was immerhin bedeuten wĂŒrde, dass man die Natur des Konflikts (wenngleich nicht seine AusmaĂe) richtig eingeschĂ€tzt hĂ€tte, sondern Donughts.
FĂŒnfter Gedanke: Amazon hat verloren, weil es augenscheinlich eine winzige Kleinigkeit (immer noch?) nicht verstanden hat, die mich ĂŒbrigens ĂŒberhaupt nicht verwundert, weil siehe Zweiter Gedanke. BEI STEAM SIND MEINE SPIELE. Ja, es hilft sehr, dass Steam vergleichsweise bequem, komfortabel und kulant ist. Und dass es im Nebenjob soziale Plattform, Achievement-Schaufenster und Alpha-Petting-Zoo ist. Aber auch wenn es eine sturzlangweilige Arschlochplattform von Arschlochleuten wĂ€re, SIND MEINE SPIELE DORT. Steam hat mein Problem nicht schon gelöst, wie Evans denkt, schlieĂlich gĂ€be es das Problem ohne Steam und Co. erst gar nicht. Steam hat mich in Geiselhaft genommen und seitdem hart sein Stockholm-Syndrom-Image poliert, und es ist hasenhirnig, anzunehmen, ich wĂŒrde mich stattdessen lieber in die Geiselhaft eines anderen begeben, bloĂ weil der gröĂer oder schöner ist. So funktionieren Geiseln nicht, ihr Brainbugs.
Was wir am Spielen sind
Neben Avowed (aka dem besten aktuellen Spiel, wenn man zu jenen gehört, die Spiele eh nicht durchspielen) beschĂ€ftigt uns momentan und demnĂ€chst wahrscheinlich ein Sub-Genre, das wir als Arbeitstitel âThekenspieleâ nennen, also Spiele, in denen es hauptsĂ€chlich um Aufbau, Management und Erlebnisse innerhalb einer Taverne, einer Kneipe, eines Cafes oder eines Klosters geht, in dem die Mönche gerne Bier brauen und noch lieber wegsaufen.
Und zwar nicht wegen des Alkoholthemas, sondern weil solche gemĂŒtlichen Gemeinschaftsraumfantasien gerade ein eskapistischer Trend sind, den man zum Beispiel auch in der Fantasyliteratur beobachtet, siehe Travis Baldrees gerade im Englischen enorm erfolgreiche Magie-und-Milchschaum-Reihe, wo eine Orkkriegerin im Ruhestand ein CafĂ© eröffnet.
AuĂerdem erscheint am Freitag Monster Hunter Wilds, und ich gehe davon aus, dass Sebastian nach dem Magazin seinen Hut und seinen Controller nimmt und zwei Wochen nur noch in Grunzlauten kommuniziert. Eventuell schaue ich auch mal rein, auch wenn mich das Leid der virtuellen Tiere schon im letzten Teil massiv abgeschreckt hat.
Ich bin halt seltsam. Oder normal. Je nach Perspektive.
Was wir sonst noch so machen
AndrĂ© und Janna haben einen Podcast aufgenommen, auf den ich schon sehr, sehr gespannt bin, denn es geht um die Frage, warum Leute bei vermeintlich unwichtiger Spielekritik regelmĂ€Ăig ausflippen, als ginge es um Leben, Tod und andere tendenziell wichtige Dinge. Und was die Geisteswissenschaft zu diesem Thema zu sagen hat.* Wenn alles glatt geht, hört ihr das GesprĂ€ch nĂ€chste Woche.
Ebenfalls nĂ€chste Woche findet ihr an dieser Stelle eine Auswertung der Umfrage von letzter Woche. Welche Formate mögt ihr besonders, welche könnten (eher) weg? Und welche sollen zurĂŒckkommen? Stay tuned - und nicht wundern, wenn es schon diese Woche (oder nĂ€chste) weitergeht mit den kleinen 5-Minuten-Umfragen, denn wir wollen noch viel mehr von euch wissen.
Hinter den Kulissen laufen ĂŒbrigens Kosmetik- und Usability-Arbeiten an der Webseite. Hoffentlich können wir sie im FrĂŒhjahr einer GeneralĂŒberholung unterziehen, sodass sie nicht mehr aussieht wie eine Multi-Level-Marketing-Butze, was Wordpress-Templates leider so an sich haben. Aber wir bekommen professionelle UnterstĂŒtzung, insofern bin ich guter, moderner Dinge!
Das RĂ€tsel zum Sonntag
Zum englischsprachigen Titel sagt Merriam-Webster, gewissermaĂen der Duden der Vereinigten Staaten, folgendes:
asserted to be true or real
Als RĂ€tsel wahrscheinlich ein Klacks, aber immerhin dĂŒrften jetzt mehr Leute wissen, was der Titel eigentlich bedeutet.
FuĂnote
*Gemeint ist in diesem Fall die Literaturwissenschaft. Die Philosophie hat zu solchen Fragen zwar auch viel zu sagen, aber das lĂ€sst sich oft auf âMenschen halt, was willste machen?â runterbrechen, bloĂ in viel komplizierter und mit mehr Fremdworten und Kommas.
Der französische Philosoph Gilles Deleuze beispielsweise wundert sich oft, dass Menschen um ihre UnterdrĂŒckung kĂ€mpfen, als ginge es um ihre Freiheit, und mehr werde ich an dieser Stelle nicht zur Bundestagswahl sagen.
Habt eine groĂartige, glĂŒckliche, möglichst sorgenfreie Woche
Jochen